L’énigme du fort de Tavannes / Das Rätsel von Fort de Tavannes

Heute vor genau 61 Jahren ereignete sich ein Unglück im Fort de Tavannes, dessen genauer Hergang lange Zeit relativ unklar war: Das Verschwinden eines amerikanischen Soldaten in den 50er Jahren, den man nach tagelanger Suche schließlich tot in einem Schacht fand.
Auf einer Seite im Internet, die heute leider nicht mehr existiert, gab es dazu den Erlebnisbericht eines Soldaten, der an der Suchaktion beteiligt war; die Geschichte ist als „Dick’s Story“ bekannt geworden.

Dick erzählte, wie er auf der Suche nach dem verschwundenen Soldaten in einen Schacht heruntergelassen wurde; ein Foto zeigte ihn vor einer Scharte zur nördlichen Caponnière, die heutzutage deren einzigen Zugang darstellt.
Gefunden hat er den Soldaten dort nicht und war auch nicht mehr weiter in die Suche involviert; erst später erfuhr er von der Bergung des Soldaten und dem, was ihm angeblich zugestoßen war:
Der Soldat sei in einen Lüftungsschacht gefallen, habe den Sturz überlebt, sei in der Dunkelheit noch 30 bis 60 Meter orientierungslos weitergekrochen und schließlich in eine tiefe Zisterne auf einer Seite des Tunnels gestürzt.

Ein Schacht mit einem Tunnel und einer Zisterne? Diese Angabe hat mich irritiert, seit ich den Bericht Ende der 1990er Jahren zum ersten Mal gelesen habe. Im Fort de Tavannes gibt es zwei tiefe Schächte, einen in der Zentralcaponnière und einen in der nördlichen Schultercaponnière. Beide dienten dazu, bestimmte Funktionselemente an das Stollensystem unter dem Fort anzubinden, aber eine Zisterne im Stollensystem schien mir ziemlich unplausibel.

Anfang dieses Jahres stieß ich durch Zufall auf etliche Zeitungsartikel, die 1956 über den Vorfall berichteten, zunächst in zwei Ausgaben der französischen Tageszeitung „Le Parisien libéré“ (aus einem der Artikel stammt der Titel dieses Blogbeitrags), dann auch im europäischen Stars And Stripes Magazin sowie einigen regionalen Tageszeitungen aus den USA, Kanada und den Niederlanden.

Dort stellte sich zusammengefasst die Sache etwas detaillierter dar als in „Dick’s Story“:
Am 21. April 1956 besuchte der 22-jährige Specialist 2nd class Gerald H. Dunnigan, Com Z Advance Section Verdun, mit seiner Frau Barbara das Fort de Tavannes. Er besichtigte zunächst einen (Zitat) „Maschinengewehrturm“ (Anm.: wohl eine der Pamart-Kasematten), stieg dann, während seine Frau vor dem Fort wartete, in den Fortgraben hinab, betrat eine Caponnière, brach dort durch die morsche Bretterabdeckung eines Schachts und stürzte 24 Meter in die Tiefe. Der Sturz brach ihm den Schädel; der Tod muss sofort eingetreten sein. Einige Zeitungen berichteten darüber hinaus, am Grund des Schachts sei er abgeprallt und weitere 4 – 5 Meter gefallen, offensichtlich in einen weiteren Schacht.
Dunnigan habe das Fort in „Freizeithose und Sporthemd“ erkundet, heißt es; seine einzige Lichtquelle sei ein Feuerzeug gewesen. (Diese „Ausrüstung“ steht übrigens in einem gewissen Widerspruch zu einer anderen Aussage, wonach Festungserkundungen als sein Hobby bezeichnet werden.)

Das Militär suchte mit großem Aufwand nach ihm (angeblich waren 400 Mann an der Suche beteiligt), fand ihn aber erst am Morgen des 26. April.
Das folgende Foto war in mehreren Zeitungen abgebildet; es zeigt angeblich, wie sein Leichnam auf einer Bahre aus dem Fort getragen wird. Es gibt allerdings auf dem Weg zwischen Nordcaponniere und Ausgang keine Stelle, die der abgebildeten gleicht; möglicherweise handelt es sich um ein gestelltes Foto :



In einer Zisterne ertrunken ist Gerald Dunnigan also nicht, aber in einen zweiten Schacht gestürzt. Ein Schacht im Schacht? Die folgende Hypothese könnte das erklären:

Unglücksort war mit einiger Sicherheit die nördliche Schultercaponniere. Der dortige Schacht wurde im Rahmen der „Travaux de 17“ zunächst als Arbeitsschacht angelegt, um die nördliche Pamart-Kasematte an das Stollensystem unterhalb der betonierten Kaserne anzuschließen; der Durchbruch in beide Richtungen fand allerdings nie statt.
Daneben sollte aber auch eine unterirdische Verbindung zwischen Fort und Tunnel de Tavannes hergestellt werden. Man arbeitete dazu von 3 Seiten aus:
- Von einer Wartungsnische im Eisenbahntunnel aus wurde ein Stollen in Richtung Fort vorangetrieben
- Ungefähr mittig zwischen Fort und Tunnel wurde ein Schacht angelegt, von dessen Boden aus in Richtung des Forts gegraben wurde
- Von der Nordcaponnière aus sollte in Richtung dieses Schachts bzw. des Tunnels gegraben werden.
Zwei dieser drei Baustellen konnten wir vor einigen Jahren verifizieren: Der Stollen vom Eisenbahntunnel aus wurde ca. 200 Meter vorangetrieben, dann wurden die Arbeiten eingestellt. Der Schacht in der Mitte existiert heute noch, ist allerdings zu einem guten Teil verfüllt.
Die Baustelle in der Nordcaponnière lässt sich in der Praxis vernünftigerweise nicht verifizieren, da ein Abstieg in den dortigen Schacht lebensgefährlich wäre, nicht zuletzt wegen der instabilen Wände.

Der folgende Plan aus dem Jahr 1927 dürfte das Ausbaukonzept unter der Nordcaponnière einigermaßen korrekt darstellen:



Legende:
1 = Nördliche Pamart-Kasematte
2 = Nördliche Schultercaponnière mit Schacht

(Quelle: Commandant Tournoux - Cours de Fortification, 3e Partie, Fortification Permanente, 3e Section “La fortification permanente pendant la guerre de 1914 – 1918”, Planches. Lithographie de l’école militaire et d’application du genie, 1927.)

Der Verbindungsstollen zwischen Fort und Eisenbahntunnel hat allerdings folgendes Problem:
Das Gleisniveau im Eisenbahntunnel liegt ca. 60 Meter unter dem Bodenniveau der Caponniere; abzüglich 24 Metern Schachttiefe bedeutet das, dass ein Verbindungsstollen einen Höhenunterschied von gut 36 Metern auf einer Distanz von 360 Metern überwinden müsste. Die Steigung in dem im Tunnel beginnenden Stollen haben wir bisher nicht ausgemessen; sie beträgt aber auf jeden Fall deutlich weniger als 10%, dürfte sogar unter 5% liegen.

Einzige andere Möglichkeit, den Höhenunterschied zu kompensieren, wäre ein zweiter, tieferer Schacht unter der Nordcaponnière, und genau damit wäre das „Schacht-im-Schacht“-Prinzip, das in der Presse beschrieben ist, plausibel. Die angegebene Tiefe von lediglich 4 – 5 Metern und das Fehlen eines Hinweises auf begonnene Stollen vom Boden des zweiten Schachtes aus würden dafür sprechen, dass auch hier die Arbeiten eingestellt wurden, bevor der Schacht die nötige Tiefe erreicht hat. Der obige Plan wäre dann an dieser Stelle falsch, die rote Linie in Richtung Eisenbahntunnel müsste dann schon vom Schacht an gestrichelt sein.

Die nachfolgende Skizze (nicht maßstabsgetreu) verdeutlicht das Schacht-im-Schacht-Konzept:



Diese Hypothese zu belegen wird nicht ganz einfach, da eine Erkundung des Schachts wiegesagt nicht in Frage kommt. Teilnehmer der Suche nach Gerald Dunnigan zu befragen dürfte wenig erfolgversprechend sein, schon alleine weil etliche zwischenzeitlich verstorben sind. Bereits 2001 stand ich in Kontakt mit besagtem Dick / Richard aus dem eingangs erwähnten Erlebnisbericht. Er scheint sich am Boden des Schachts nicht wirklich weit von der Stelle bewegt zu haben und war auch nur mit einer sehr schwachen Lampe ausgerüstet. Das einzige Detail, an das er sich lebhaft erinnerte, waren Schienen, die da unten verliefen; von einem zweiten Schacht wusste er nichts. Erneut befragen kann ich ihn leider nicht mehr; er ist 2016 gestorben.

21.4.17 17:46, kommentieren

Nachtrag zur Forte di San Rocco

Einige Angaben des letzten Beitrags kann ich mittlerweile besser präzisieren:
- Der Canale San Rocco neben der Festung wurde 1838 angelegt
- Die Festung wurde vom Zoll bis 1982 genutzt

Außerdem gelang es mir, bei einer online Auktion eine Postkarte aus dem Jahr 1909 zu ersteigern, die die Forte di San Rocco zeigt:



Die Festung lag zu dieser Zeit offensichtlich schon ein Stück vom Meer entfernt, und die Tür in der Bastion ist deutlich sichtbar. Sie dürfte also irgendwann im 19. Jahrhundert angelegt worden sein.

28.10.16 19:37, kommentieren

Die Forte di San Rocco, Marina di Grosseto

Der heutige Beitrag beschäftigt sich mit einer Festung, die nicht in den üblichen Scope dieser Seite (Festungsbau von 1850 bis 1918) fällt, nämlich der 1793 fertiggestellten Forte di San Rocco an der toskanischen Küste. Da sie bis 1872 militärisch genutzt wurde und außerdem eine interessante kleine Anlage ist, war sie mir eine Vorstellung wert. Die Fotos entstanden während eines Aufenthalts im Mai dieses Jahres.

Das Hinterland des heutigen Küstenabschnitts zwischen Castiglione della Pescaia und der Ombrone-Mündung war in der Antike ein See (Lacus Prelius), der mehr und mehr verlandete und schließlich zu einem malariaverseuchten Sumpf wurde, der nur spärlich besiedelt war. Auf dem Gebiet des heutigen Ortes Marina di Grosseto gab es eine kleine Anlage namens San Rocco (benannt nach dem Heiligen Rochus), die seit dem Auftreten der Pest in Marseille im Jahr 1720 einlaufende Schiffe überwachte, um die Einschleppung von Krankheiten zu verhindern.

Der habsburgische Großherzog Peter Leopold beschloss 1788, anstelle dieser Anlage ein Fort errichten zu lassen, das unter seinem Sohn Ferdinand III. 1793 fertiggestellt wurde.

Seit 1765 – zu Beginn unter Leitung von Leonardo Ximenes – wurde die Trockenlegung des Sumpfgebiets vorangetrieben; dem Fort kam außer seiner Überwachungsfunktion schnell auch die Aufgabe einer wichtigen Ausgangsbasis für die entsprechenden Arbeiten zu. Der neben der Festung verlaufende, nach 1828 angelegte Entwässerungskanal stammt noch aus dieser Phase; er ist nach der Festung benannt.



Alter Stich der Forte di San Rocco.

Nach Vollendung der Trockenlegung wurde die Forte di San Rocco einer rein militärischen Nutzung zugeführt. 1872 wurde sie zum Sitz des Zollamts, und erst in relativ neuer Zeit wandelte man sie in eine Wohnanlage um.

Da das Fort im Meer stehen sollte, errichtete man es in Backsteinbauweise auf einer Konstruktion aus Kiefernholz, bestehend aus einer Plattform und in den Boden gerammten Stützpfeilern. Es besteht aus drei Hauptelementen:
Das Hauptgebäude stellt einen rechteckigen, dreigeschossigen Turm dar, der auf seiner Ostseite durch einen von Mauern umgebenen Innenhof flankiert ist und auf der Westseite durch eine Bastion geschützt wird.



Seitenansicht der Forte di San Rocco von Norden aus.

Das Hauptgebäude war die Kommandozentrale und beherbergte die Besatzung, bestehend aus 10 bis 12 Soldaten, 2 bis 4 Kavalleristen, einem Korporal und dem Kommandanten.
Im Erdgeschoss befanden sich die Kapelle samt Sakristei, das Gefängnis und die Unterkunft der Kavalleristen.
In der ersten Etage waren die Unterkunft des Kommandanten sowie eine Schreibstube, die auch zur Lagerung von Kleinwaffen genutzt wurde.
Die Küche mit einem großen Kamin befand sich in der zweiten Etage, außerdem das Zimmer des Korporals und der Schlafsaal der Mannschaften mit 10-12 Betten.

Um den Innenhof herum waren der Stall, die Scheune, ein Holzlager, eine kleine Zisterne und die Unterkunft des Geistlichen gruppiert. An der Ostseite des Hofs befindet sich auch der Zugang zur Festung in Gestalt eines mit Travertin ausgekleideten Flachbogentors, gekrönt vom Wappen des Hauses Habsburg-Lothringen.



Hofseite mit Eingang.



Wappen über dem Tor.

Die Bastion auf der westlichen, dem Meer zugewandten Seite des Forts ist mit 10 Metern Höhe ein mächtiger und eindrucksvoller Bauteil, dessen abgeschrägte Basis eine Mauerstärke von 2,60 Meter aufweist.



Bastion; die Tür wurde nachträglich eingebaut.

Das Erdgeschoss der Bastion beinhaltet eine Kasematte, einen Kellerraum und die Hauptzisterne.
Auf der ersten Etage befanden sich die Bäckerei mit Nebenräumen, die Küche des Kommandanten, ein Holzlager und die Speisekammer. Die zweite Etage besteht aus einer Terrasse für die die schwere Artillerie, einem kleinen Pulvermagazin und einer Latrine. Man findet dort auch eine Glocke an einem Bügel, die das Gussdatum 1721 eingeprägt hat und für akustische Signale verwendet wurde.



Erdgeschossplan von 1793. Die heute sichtbare Tür fehlt noch.

Heute liegt die Forte di San Rocco nicht mehr im oder am Meer, sondern in einem baumbestandenen Areal hinter dem Hafen von Marina di Grosseto. Da die Anlage, wie oben ausgeführt, mittlerweile bewohnt ist, lässt sie sich im Inneren leider nicht besichtigen.

27.10.16 18:47, kommentieren

Die Forte di Valledrane (Idro-See)

Die Forte di Valledrane liegt oberhalb des Ortes Vantone am Südostufer des oberitalienischen Idro-Sees in 831 Metern Höhe. Da der Weg nur unzureichend beschildert ist, ist sie etwas schwer zu finden, wenngleich auch bequem zu erreichen. Sie ist für Besucher hergerichtet und kann völlig frei besichtigt werden; zum Zeitpunkt unseres Besuchs im Mai 2016 waren wir völlig alleine.



Gesamtansicht der Anlage.

Die Festung wurde in den Jahren 1906 bis 1912 als Bestandteil des italienischen Verteidigungssystems „Sbarramento Giudicarie“ errichtet; sie sollte das Eindringen feindlicher Truppen aus dem Vestino-Tal (damals zu Österreich-Ungarn gehörend) verhindern.

Zu Beginn des ersten Weltkriegs verschob sich jedoch die Front nach Norden bis zur Lardaro-Sperre, wodurch die Forte di Valledrane nutzlos wurde. Sie wurde daher desarmiert; Ende 1915 war sie nur noch mit 30 Soldaten belegt und verfügte als Bewaffnung über einige veraltete Maschinengewehre und ein Geschütz in offener Bettung.
1918 versetzte man sie wieder in verteidigungsfähigen Zustand, als Gerüchte kursierten, der Feind plane eine Offensive – die allerdings nie kam.
Nach Ende des Krieges wurde das Fort erneut desarmiert, und seine südlich gelegenen Strukturen wurden als „Frommes Kindersanatorium von Valledrane“ einer neuen Nutzung zugeführt.

Im zweiten Weltkrieg nutzte die Organisation Todt die Festung als Lager; es kam dort zu einigen Zusammenstößen zwischen Partisanen und deutschen Soldaten.

Die Forte di Valledrane ist mit einer Fläche von 126 x 22 Metern und 9 Metern Höhe eine relativ große Anlage. Sie wurde dem Geländeverlauf angepasst und terrassiert angelegt; das Bodenniveau der einzelnen Terrassen steigt von Ost nach West an:



Der Plan zeigt die Batterieblöcke, von denen jeder zwei Geschützbrunnen für je ein 149mm Armstrong Geschütz enthielt, die mit 140mm dicken Panzerkuppeln überdeckt waren. Ihr Drehradius betrug volle 360 Grad, die Geschützreichweite zwischen 12 und 24 Kilometern. Die Festung konnte damit das gegenüber liegende Ufer des Idro-Sees wirksam abdecken.



Batterieblock von außen.



Batterieblock von innen; auf der rechten Seite die Aufgänge zu den Geschützkuppeln. Die Treppen sind leider nicht mehr vorhanden.

Weitere Verteidigungselemente waren zwei Flugabwehrstellungen (eine davon ist am östlichen Ende noch erkennbar) sowie eine Batterie für vier 75mm Geschütze im Osten und eine für zwei 149mm Geschütze im Süden.



Flugabwehrstellung, heute als Grillstelle genutzt.

Nachfolgend einige Impressionen der Festung:



Nahverteidigung am östlichen Ende.



Im Inneren der Kaserne ( = östlicher Block)



Die ehemalige Küche.



Der Generatorenraum.



Im Inneren einer der Kaponnieren; leider auch hier die üblichen Schmierereien.



In der Pulverkammer im westlichen Teil der Festung.

20.10.16 19:05, kommentieren

Teaser: Forte di Valledrane, Lago d'Idro

Der Gardasee ist für Festungsfreunde ein interessantes Terrain, aber auch der benachbarte Idrosee hat einiges Fortifikatorisches zu bieten, beispielsweise die Forte di Valledrane:



Wir waren im Frühsommer dort und fanden die Festung offen zugänglich vor; da wir die einzigen Besucher waren, konnten wir sie ausführlich erkunden. Dazu mehr im nächsten Beitrag.

17.10.16 21:43, kommentieren